Rad im Alltag,  Radreisen,  Technik und Ausrüstung

Reiseradkauf mit Hindernissen

Seit gut 5 Jahren bin ich glückliche Besitzerin eines

Pedelecs,

das ich vorzugsweise für den Weg zur Arbeit benutze. Und doch schaute ich bisher neidvoll auf das Reiserad meines Mannes, das man für Radreisen viel besser bepacken kann, als mein Pedelec.

Gute Reiseräder sind nicht günstig und die Auswahl an Damen-Modellen mit Trapezrahmen ist überschaubar. Zeitschriften geblättert, Tests gelesen und ratlos geblieben. Das Rad, das ich vor meinem geistigen Auge sah, gab es irgendwie nicht zu kaufen. Außerdem war ich nicht bereit, mal eben 2000 Euro oder mehr für ein weiteres Rad auszugeben.

Ich überlegte, wie das schwere Pedelec reisetauglicher wird, indem man Lowrider an der Federgabel befestigt. Entsprechende Adapter hatte ich bereits besorgt. Nebenher schaute ich bei ebay sowie in den zugehörigen Kleinanzeigen. Herrenräder in großer Zahl, Fehlanzeige für die Damenwelt zumindest mit für mich passender (kleiner) Rahmengröße.

Aber dann, eines Tages Ende August 2018, sprang es mir fast ins Auge! Ein Reiserad wie für mich gemacht wurde angeboten, allerdings am Niederrhein und damit rund 300km weit weg. Ich war auf der Stelle schockverliebt und selbst mein Mann zeigte sich begeistert nach Betrachtung von Fotos und Beschreibung. Erschwerend kam allerdings hinzu, das wir in den Urlaub fahren wollten und erst danach Zeit für Besichtigung und Übergabe haben würden.

Zum Pinnen:

In solch einer Situation ist es schön, wenn seriöse Verkäufer auf wirklich interessierte Käufer treffen. Die Anzeige wurde deaktiviert und das Rad wartete beim Verkäufer darauf, das wir einen gemeinsamen Termin finden würden. Ich hatte eine Anzahlung angeboten, diese wurde dankend abgelehnt.

Am Einheits-Feiertag, dem 3.10.2018,

war es dann endlich soweit. Wir wollten uns mit den Verkäufern auf halber Strecke treffen und zwar in Münster auf einem Parkplatz an einem Möbelhaus. An sich ein guter Plan, dort hätte ich in Ruhe Proberunden drehen können. Hätte, hätte, Fahradkette! In Münster fand genau an dem Tag der Sparkassen-Münsterland-Giro, ein Radrennen, statt. Die B54 und damit auch die Zufahrt zum Treffpunkt war halbseitig gesperrt. Ein Anruf vom Verkäufer, der etwas eher vor Ort eingetroffen war, informierte uns darüber. Sie ständen nun alternativ circa 200 Meter hinter der gesperrten Zufahrtstraße an einer Einfahrt.

Es kam, wie es kommen musste, ich sah es zu spät, wir waren längst an der Einfahrt vorbei. Wenden wegen Sperrung nicht möglich, ein erneutes Vorbeifahren hätte einen Riesenumweg bedeutet. Ich zoomte am Navi-Display weiter hinein, nötigte meinen Mann an der nächsten Kreuzung rechts abzubiegen und lotste uns bis zu einer Stelle, wo der Stichweg, an dem die Verkäufer standen, FAST auf einen Stichweg traf, an dem wir nun positioniert waren. Klar, dazwischen befand sich ein Privatgrundstück ohne Überwegungsmöglichkeit, sichtbar mittig in der großen roten Markierung. Oben rechts die Wartestelle der Verkäufer, unten links die Parkposition unseres Autos.

Ich ließ meinen Mann im Auto zurück und machte mich zu Fuß auf den Weg. Als es am Wegesende nicht mehr weiter ging, stieg ich durch mehrere Gräben (ausgetrocknet), stapfte durchs Unterholz eines kleinen Waldstücks, bis ich wieder einen Weg unter den Füßen hatte und die wartenden Verkäufer nebst Rad von hinten sah.

Es sah genauso aus, wie es beschrieben war und hatte alles dran, was ich mir für mein Reiserad gewünscht hatte, auch die Lowrider. Ich bin keine 100 Meter Probe gefahren, da war die endgültige Entscheidung bereits gefallen.

Das ist mein Reiserad!

Mit dem Rad durch die Büsche zurück war schlicht unmöglich, außerdem wollten die Verkäufer gerne noch meinem Mann guten Tag sagen und eigentlich hätte das Rad noch optimal für mich eingestellt werden sollen. Plan B: ich fahre mit dem Rad erst neben der B54 her dann rechts in einem Radweg hinein, der eine Abkürzung zu der Stelle bot, an der mein Mann wartet. Die Verkäufer fahren die Strecke, die wir zuvor genommen hatten. Hat geklappt.

Wir haben uns dann noch wirklich nett über die Radfahrleidenschaft unterhalten, was man schon gemacht hat und was noch in Planung ist und eigentlich hätten wir stundenlang reden können. Ich war aber, wie es meine Art ist, furchtbar ungeduldig und wollte eine kleine Radtour rund um Münster starten, um mich an das Rad zu gewöhnen. Das Rad meines Mannes hatten wir auf dem Trailer dabei. Der Verkäufer war ein wenig enttäuscht, das ich ihm keine Zeit ließ, das Rad für mich anzupassen und seine Frau, für die das Rad individuell aufgebaut worden war, war traurig, weil ich mit ihrem Rad entschwand.

Für mich war es ein gelungener

Reiseradkauf.

Auf einem neuen, noch nicht eingefahrenen Brooks-Ledersattel fährt es sich zunächst ungewohnt. Unterwegs haben wir meine Sattelstütze minimal erhöht, der Rest konnte erstmal so bleiben. Eine angenehme Runde von 25 Kilometern brachte uns an viele nette Stellen nahe Münster und sogar direkt vor die Tore “meiner” LBS am Aasee. Winke winke an meine Kollegen in Münster und auch in Bremen.

Wieder daheim hatten wir noch einen netten Mailwechsel mit den ebenfalls heimgekehrten Verkäufern und ich schlief abends glücklich ein. Mein im Schuppen stehendes fast ungenutztes Trekkingrad habe ich anschließend gut verkaufen können, so wurde der Neukauf fast zur Nullnummer. Das Trekkingrad war ein Notkauf mit zu großem Rahmen gewesen, nachdem man mir den Vorgänger gestohlen hatte. Ich war nur wenige Male damit gefahren, um dann aufs Pedelec umzusteigen.

Das Pedelec durfte sich nach weit über 7000km einer Generalüberholung unterziehen, während mein neuer Liebling fast täglich zum Einsatz kam.

Für Radreisen, wenn sie nicht gerade ins Gebirge gehen, werde ich zukünftig lieber wieder mit Muskelkraft und ohne elektrischen Rückenwind unterwegs sein.

Den Brooks-Sattel habe ich nach weiteren 500km ausgetauscht. Das Modell war für mich und meine Sitzfläche nicht geeignet, ich saß hinten auf den Nieten. Darüber hinaus quietschte und knarzte der Sattel erbärmlich. Meine Wahl fiel einmal wieder auf den Selle Royal Ariel.

Die Erlebnisse auf unseren Radtouren und im Urlaub lassen mich folgern, das ein Pedelec KEIN ideales Reiserad ist.

Das Elend geht schon zuhause los: Selbst wenn der Akku abgebaut ist, wiegt solch ein Trümmerteil circa 27 Kilo, das hebt man nicht mal eben so auf den Trailer.

Diese Problematik setzt sich unterwegs fort. Eine Treppe muss überwunden werden, kein anderer Weg führt weiter. Ich stemme mich vorne gegen den Lenker, mein Mann schiebt von hinten. Auf der anderen Seite wieder abwärts ist ebenfalls nicht ganz ungefährlich.

Oder in der Bahn. Auf den Radplätzen stehen Gepäckstücke und Kinderwagen. Sagt der Zugbegleiter: hängen sie das Rad doch oben an der Decke in die Fahrradhalter. Mal davon abgesehen, das die Halter durch die versperrenden Gepäckstücke gar nicht erreichbar waren, ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Das hebst Du nicht, schon gar nicht als Frau. Ich bot ihm an, das für mich zu übernehmen, er verzog sich.

Auf unseren Wochenendtouren führe ich stets einen Reserveakku und das schwere Ladegerät mit. Schon mal einige Kilo schwerer Ballast, den ein Normalradler nicht dabei hat. Und Platz nimmt es auch noch weg in den Taschen.

Übernachtung auf dem Zeltplatz erfolgt in der Regel ohne Stromanschluß. Wo lädt der Pedelecfahrer seine Akkus? Mit Glück beim freundlichen Campernachbarn mit Stromanschluß, alternativ im Waschraum wartend. Du kannst unterwegs über den Nabendynamo Powerbanks und Handys laden, für die Pedelecakkus gibt es keine mobilen Lösungen. Liebe Erfinder, das ist ne echte Marktlücke!

Du kommst am Berg oder vor einer Steigung zum Stehen. Keine Chance, wieder anzufahren! Mit nur 9 Gängen ist das Pedelec viel zu grob übersetzt und selbst der kleinste Gang ist viel zu schwergängig, um wieder in Schwung zu kommen. Der Motor setzt aber erst ein, nachdem Du schon kräftig in die Pedale trittst!

Da wir vom Bahnfahren mit Rad gerade mal wieder bedient sind, kommt als radfreundliche Alternative Flixbus in Frage. Die nehmen aber keine motorisierten Räder mit. Dieses Jahr im September sind wir mit den Rädern problemlos mit dem Flixbus von Bremen nach Ulm gefahren.

Deshalb mein Fazit, das mein Pedelec auf dem ebenen Weg zur Arbeit mein treuer Begleiter bleibt und darüberhinaus höchstens in bergigen Regionen zum Einsatz kommt. Mangels Reiserad wurde die Wochenendtour aus dem vorherigen Beitrag auch mit dem Pedelec absolviert. Im September 2019 haben sich unsere Reiseräder auf einer Reise vom Oberallgäu zurück nachhause sehr gut und pannenfrei bewährt.

Es geht auch ohne Rückenwind aus der Steckdose, dann eben etwas langsamer! Wie ist Deine Einstellung dazu?

Dieser Beitrag erschien am 27.10.2018 bereits bei Allegrias Landhaus.

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